Was ist Konkrete Kunst?

Einfach und zugleich komplex – eine kurze Einführung in eine Kunstrichtung mit über 100-jähriger Geschichte 

Einfach und zugleich komplex – so kann man die Konkrete Kunst vielleicht auf den Punkt bringen. Klar und eindeutig ist, dass die Kunstrichtung keine Abbildung der Realität zum Ziel hat. Stattdessen erhebt sie die bildnerischen Mittel selbst, also Farbe, Form, Linie sowie das Material, zu Trägern ihrer visuellen, rein geistigen Botschaften. Sie ist daher konkret das, was sie ist: nämlich das Zusammenspiel dieser ungegenständlichen Komponenten. Zugleich ist sie ohne jedes Vorwissen sinnlich erfahrbar. Außerdem spielt eine geometrische Formensprache, wenngleich die Stilrichtung nicht darauf reduziert werden kann, eine wesentliche Rolle. Anwendung finden die Prinzipien der Konkreten Kunst nicht nur in Malerei, Grafik oder Bildhauerei. Auch in allen anderen bildnerischen Gattungen, in den angewandten Künsten Design oder Architektur sowie der Literatur sind ihre Grundsätze heute fest verankert.

Abstrakte Komposition aus farbigen, geometrischen Formen, mit einem weißen Quadrat in der Mitte, umgeben von Dreiecken in Gelb, Blau, Rot und Grau.

Anton Stankowski (1906–1998), Aufgeklappt auf Weiß, 1989, Acryl auf Leinwand, 90 × 65 cm, © Stankowski-Stiftung, Stuttgart; Foto: Museum für Konkrete Kunst und Design, Helmut Bauer

Abstraktes Gemälde mit vertikalen und horizontalen Rechtecken in Blau, Grün, Rot, Gelb und Orange.

Max Bill (1908–1994), Vierfarbige Struktur, 1970, Öl auf Leinwand, 60 × 150 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: Museum für Konkrete Kunst und Design 

Zweifarbiger, mittig geteilter Papierbogen in vergilbtes Weiß und Türkis, mit einer organisch zersetzten Salamischeibe im Bildzentrum.

Dieter Roth (1930–1998), Kleiner Sonnenuntergang, 1968, Salamischeibe, farbiger Karton, Plastiktasche, 82,5 × 63 cm; Foto: Museum für Konkrete Kunst und Design

Die Wurzeln der Kunstrichtung liegen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als die damalige Avantgarde radikal mit bis dahin gültigen Bildtraditionen brach. Als ihr „Urknall“ gilt Kasimir Malewitschs 1915 entstandenes Schwarzes Quadrat, ein Gemälde, das nur ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund „zeigt“. Neben Malewitsch und anderen Vertreter*innen des russischen Konstruktivismus waren die niederländische Gruppe „De Stijl“ um Piet Mondrian und Theo van Doesburg, dem Namensgeber der Richtung, sowie das deutsche Bauhaus wichtige frühe Impulsgeber der Konkreten Kunst.

Vertikal angeordnete, wellenförmige Linien in Grün, Blau, Rosa und Weiß auf hellem Hintergrund.

Bridget Riley (*1931), Series 38, Orange added violet and green and 15 Magenta and Turgenoice, both pairs in two colour twists, 1979, Öl und Gouache auf Karton, 95 × 67 cm, © The Bridget Riley Art Foundation; Foto: Museum für Konkrete Kunst und Design

Abstraktes Bild mit einem großen, orange-roten Kreis vor einem mehrfarbigen, unscharfen Hintergrund.

Shannon Finley (*1974), Sunset, 2015, Acryl auf Leinwand, 140 × 100 cm; Foto: Museum für Konkrete Kunst und Design, Hubert P. Klotzeck

Symmetrische, dreidimensionale Skulptur aus spiegelndem Metall mit spitzen, sternförmigen Ausläufern.

Timo Nasseri (*1972), Glance #9, 2022, rostfreier Stahl, 88 × 84 × 20 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: Museum für Konkrete Kunst und Design, Hubert P. Klotzeck

Als komplex muss man die weitere Entwicklung der Stilrichtung und ihre Abgrenzung zu anderen Strömungen mit vergleichbaren Grundsätzen bezeichnen. Während die Zürcher Konkreten um Max Bill ab den späten 1930er-Jahren eine mathematische, eindeutig wissenschaftliche Auslegung der Konkreten Kunst vertraten, entstanden in der Nachkriegszeit mit der Op-, Minimal und Concept-Art wie auch der Gruppe „ZERO“ ähnlich ausgerichtete, aber deutlich offenere Bewegungen. Vor diesem Hintergrund erfuhr die Bezeichnung Konkrete Kunst spätestens in den 1970er-Jahren einen Verlust an Bedeutung, ohne dass ihre Prinzipien bis heute an Relevanz verloren hätten. 

Das weite Spektrum, für das Konkrete Kunst aktuell stehen kann, deuten einige persönliche Perspektiven junger zeitgenössischer Vertreter*innen der Richtung an. Nicht immer markieren ihre Aussagen einen Kontrast zu den künstlerischen Grundsätzen, die die Pionier*innen der Kunstrichtung wie van Doesburg oder Bill, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts formuliert haben. So gehören zur Konkreten Kunst die Strenge genauso wie das Spiel und der Zufall – manchmal sogar alles gleichzeitig.

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